Sprühhalsbänder

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Sprühhalsbänder

Beitrag von Susi am Fr 30 Okt 2009 - 20:46

Köpfchen statt Knöpfchen...

...das gilt auch für die viel gepriesenen Sprühhalsbänder, die
in verschiedenen Ausführungen den Markt erobert haben. Spätestens seit
uns Hundenanny Katja Geb-Mann allwöchentlich im deutschen Fernsehen
vorführt, wie jeder Hund, ganz gleich welches Problem er seinen Haltern
vermeintlich oder tatsächlich bereitet, mit Einsatz einer Fernbedienung
in das Verhalten gepresst werden kann, das Herrchen oder Frauchen
beliebt, finden die Halsbänder, die einen angeblich völlig harmlosen
Spraystoß von sich geben, steigenden Absatz.

Doch schon der gesunde Menschenverstand lässt einen aufhorchen, wenn
Hersteller und Anwender behaupten, dass der jederzeit auszulösende
Sprühstoß für den Hund „gar nicht schlimm“ sei. Da fragt man sich doch
selbst nach nur kurzem Nachdenken, wie es denn möglich sein soll,
instinktive, genetisch fixierte Verhaltensweisen wie zum Beispiel das
Jagdverhalten durch etwas zu unterdrücken, das dem Hund gar nichts
ausmacht?! Dem Hundehalter wird generös angeboten, das Gerät doch
selbst mal in die Hand zu nehmen oder um den Hals zu legen, während der
Trainer den Auslöser betätigt... und tatsächlich, so schlimm war das
doch gar nicht. Ein kurzes „Zischhhh“ mit etwas feucht-kalter Luft.
„Ja“, bestätigt der überzeugte Hundehalter, „das war gar nicht
schlimm.“ Was Hersteller und Trainer jedoch geflissentlich verschweigen
(aus Unwissenheit oder in betrügerischer Absicht?!), ist die Tatsache,
dass plötzlich auftretende, nicht eindeutig zuzuordnende Zischlaute
beim Hund als Angst auslösende, sogar lebensbedrohliche Laute
abgespeichert sind, bei denen sofort die Flucht ergriffen werden muss.
Jeder kennt den Anblick eines Hundes, der sich selbst im Körbchen `zig
mal um die eigene Achse dreht, bevor er sich schließlich gemütlich
niederlegt. Es handelt sich bei dieser Verhaltensweise um ein Erbe aus
den Zeiten, in denen der Hund noch weitgehend draußen in Freiheit
lebte. Bevor er sich hinlegte, drehte er sich mehrfach im Gras oder
Laub, um die ausgesuchte Liegestelle als ungefährlich abzusichern.
Sollte beim Drehen ein Zischlaut (zum Beispiel von einer Schlange) zu
hören sein, würde er sich durch einen Sprung zur Seite in Sicherheit
bringen. Biologisch sinnvoll... und diesen genetisch fixierten, Angst
auslösenden Zischlaut bringen wir Menschen nun in den unmittelbaren
Kopfbereich des Hundes! Und drücken vielleicht gleich mehrfach das
Auslöseknöpfchen, worauf der Hund ganz leicht nicht nur in Angst,
sondern sogar in Panik versetzt werden kann – ohne die Möglichkeit,
sich durch die Flucht zur retten!

Eigentlich ist dieser Umstand allein schon Grund genug, niemals zu
erlauben, dass einem uns anvertrauten Lebewesen ein solches Gerät
angetan (im wahrsten Sinne des Wortes!) wird. Es gibt aber noch mehr
Probleme:
Der Hund weiß nie, wann und vor allem warum der Sprühstop ausgelöst
wird, befindet sich also in ständiger Erwartungsunsicherheit. Wer
wissen möchte, wie sich das anfühlt, dem empfehle ich folgendes
Eigenexperiment, das nicht in Anwesenheit eines Hundes durchgeführt
werden sollte, damit dieser nicht unnötig verunsichert wird: Bitten Sie
ein Familienmitglied oder einen Freund, Sie wirklich stark zu
erschrecken, zum Beispiel durch einen lauten Schrei oder dadurch, dass
er plötzlich die Stereoanlage zu voller Lautstärke aufdreht oder zwei
Töpfe aufeinander schlägt, wenn Sie gerade überhaupt nicht damit
rechnen, sich zum Beispiel entspannt im Sessel zurücklehnen oder gerade
mit Freunden Karten spielen. Das Experiment sollte mindestens mehrere
Stunden, am besten ein oder zwei Tage dauern und der Schreckreiz sollte
in dieser Zeit mehrfach ausgelöst werden – ohne dass Sie wissen, wann
dies sein wird. Sie werden merken, dass der eigentliche Reiz, wenn er
dann endlich auftritt, bei weitem nicht so schlimm zu ertragen ist, wie
die zermürbende Warterei auf ihn. Obwohl man ihn fürchtet, wünscht man
ihn schon beinahe herbei in der Hoffnung, dann wieder eine Weile Ruhe
zu haben, was aber nicht so ist, da er kurz nach dem Auftreten ein
zweites oder drittes Mal ausgelöst wird und dann wieder stundenlang gar
nicht, ganz wie es Ihrem Helfer beliebt. Keine angenehme Vorstellung,
nicht wahr?!

Aber es gibt noch weitere Probleme. Gleich mehrere ergeben sich aus der
Tatsache, dass Hunde über gedankliche Verknüpfung lernen. Trägt der
Hund das Halsband und erhält den Sprühstoß, wenn er zum Beispiel auf
mehrfachen Zuruf nicht kommt, so möchte der Mensch ihm damit zeigen,
dass er dafür mit Schreckreiz bestraft wird, dass er ungehorsam ist. Es
kann aber gut sein, dass er in genau diesem Moment zu einem kleinen
Kind, einem Jogger oder einem anderen Hund schaut – und den Strafreiz
damit verbindet. Das Ergebnis ist dann ein Hund, der noch immer nicht
besser auf Abruf reagiert, dafür aber Ängste, evtl. sogar durch die
Angst ausgelöste Aggressionen, gegen das entwickelt, was er gerade sah.
Die Hundehalter sind dann ratlos, weil ihr Hund „plötzlich“ kleine
Kinder meidet oder Jogger anknurrt, mit denen er doch bisher bestens
auskam. Viele solcher Beispiele finden sich in meiner Hundeschule ein,
erst kürzlich ein Rhodesian Ridgeback Rüde, dessen Sprühhalsband immer
ausgelöst wurde, wenn er zum Wildern durchbrennen wollte. Bei diesen
Spaziergängen war allerdings auch immer seine Gefährtin, der Zweithund
der Familie, anwesend. Die Halter kamen nun nicht wegen des
unerwünschten Jagdverhaltens zu mir in die Hundeschule, mit dem sie
sich inzwischen abgefunden hatten, sondern weil der Rüde seit Wochen
die Nähe der Hündin mied. Immer wenn diese den Raum betrat oder sich,
so wie früher, zu ihm kuscheln wollte, verließ er mit ängstlichem
Gesichtsausdruck das Zimmer und das konnte man sich nicht erklären...
Was hatte man diesen beiden Hunden angetan! Welche Gefühle wurden in
den Tieren ausgelöst?! Der Rüde hatte nun Angst vor seiner Gefährtin,
die er früher heiß und innig liebte, während diese nicht verstehen
konnte, weshalb er, der vorher immer leidenschaftlich mit ihr spielte
und tobte, sie jetzt mied. Die gleiche Trainerin, die den Einsatz des
Sprühhalsbandes empfohlen hatte, empfahl jetzt übrigens, einen der
Hunde abzugeben, weil die Tiere sich unterschiedlich entwickelt hätten
und einfach nicht mehr gut zueinander passen würden. Die Ängste des
Rüden erklärte sie über die angeblich dominante Ausstrahlung der
Hündin. Man könnte weinen, wenn man Hunden mit einem solchen Schicksal
gegenüber steht – oder es packt einen einfach nur die Wut.

Die Probleme gehen noch weiter, denn nichts generalisiert sich bei
Hunden so schnell, wie Geräuschangst. Nicht nur dieser Rüde, sondern
auch zahlreiche andere Hunde entwickeln nach Einsatz des
Sprühhalsbandes Ängste vor allen möglichen Geräuschen. Das Öffnen einer
kohlesäurehaltigen Getränkeflasche, das Zischen von heißem Fett in der
Pfanne, Knall- und Schussgeräusche, die dem Hund vorher egal waren,
versetzen ihn jetzt in Angst und Schrecken. Der oben erwähnte Ridgeback
Rüde zum Beispiel verzog sich mit eingezogener Rute unter den Tisch des
Besprechungsraums, als ich eine Wasserflasche öffnete. Dies tat ich
nicht, weil ich Durst hatte – trauriger Weise gehört es inzwischen
schon fast zum Standardprogramm beim ersten Kennenlernen und
Analysieren eines mir vorgestellten Hundes auszutesten, ob er schon mit
Sprühhalsband gearbeitet wurde und welche Wunden dies an seiner Seele
hinterlassen hat. Die Halterin war auch sehr erstaunt, als ich ihr nach
dem „Flaschentest“ auf den Kopf zusagte, dass an ihrem Hund sicher
schon mit Sprühhalsband gearbeitet worden war. Das wollte sie mir
eigentlich gar nicht erzählen, weil sie schon gehört hatte, dass ich
gegen den Einsatz dieser Geräte bin. Nachdem ich sie auf die Reaktion
ihres Hundes hingewiesen hatte, war sie sehr betroffen. Und wütend,
nachdem ich ihr erklärte, weshalb ihr Rüde jetzt Angst vor der Hündin
und vor allen möglichen Geräuschen hatte. Wütend auf die Trainerin, die
sie auf diese „unerwünschten Nebenwirkungen“ nicht aufmerksam gemacht,
sondern immer erklärt hatte, wie harmlos der Einsatz des Gerätes sei.
Für mich stellt sich die Frage, ob Kollegen, die es einsetzen, um diese
Nebenwirkungen nicht wissen, oder ob sie diese bewusst verschweigen,
weil kaum jemand bereit wäre, den Einsatz zu erlauben, wenn sie bekannt
wären. Und ich stelle mir die Frage, was von beiden eigentlich
schlimmer ist...
Last not least gibt es Probleme mit der Technik. Es soll schon
vorgekommen sein, dass das Gerät durch andere Funkfrequenzen oder sogar
die Fernbedienung eines in der Nähe befindlichen Halsbandes an einem
anderen Hund ausgelöst wurde. Der Strafreiz wird dann also einem Hund
verabreicht, der einfach nur herumsteht oder gerade spielt oder sonst
etwas tut. Das steigert die Erwartungsunsicherheit natürlich noch mehr
und erhöht die Trefferquote auf Fehlverknüpfungen immens. Zusätzlich
löst es nicht immer zuverlässig aus, kann zum Beispiel durch
Wetterlagen mit feuchter Luft (Nebel, Regen) verzögert oder gar nicht
reagieren. Schließlich zeigt es auch nicht an, wann die Batterie leer
ist, wodurch es passieren kann, dass der Auslöser gedrückt wird und
nichts geschieht. Dann käme man durch das Ausbleiben des Strafreizes
(wenn der Hund denn überhaupt verstanden hätte, wofür er eigentlich
bestraft werden soll) in den Bereich der variablen Bestätigung, was das
unerwünschte Verhalten sogar noch verstärkt. Der Hund würde nämlich
lernen, dass er das Verhalten nur immer wieder zeigen muss, bis er
schließlich wieder zum Erfolg (in diesem Fall das Ausbleiben des
Strafreizes und die erfolgreiche Durchführung des Verhaltens) kommt.

Man kann es also drehen und wenden, wie man will: Sprühhalsbänder sind
ganz und gar nicht harmlos, im Gegenteil sogar sehr gefährlich. Manche
Hunde werden durch sie so verunsichert, dass sie in die so genannte
erlernte Hilflosigkeit fallen, was zur Folge hat, dass sie kaum noch
Aktionen zeigen oder Handlungen anbieten, weil sie in ständiger Angst
vor dem für sie unkalkulierbaren Strafreiz leben. Um diesen Tieren –
und ihren verzweifelten Haltern – zu helfen, braucht es ein meist lang
angelegtes, gut durchdachtes Training, das den Hund aus dieser
erlernten Hilflosigkeit und seinen vielfältigen Ängsten wieder
herausholt.
Sprühhalsbänder gaukeln dem Hundehalter vor, mal eben schnell per
Fernbedienung eine Lösung für vermeintliche oder tatsächlich
entstandene Probleme zu haben. Aber so einfach ist das nicht. Hunde
sind uns anvertraute, fühlende und denkende Lebewesen, die nicht
beliebig manipulierbar sind und deren Lernverhalten sich von dem
unseren ganz erheblich unterscheidet. Ich kann deshalb nur dringend
empfehlen, jeden Ausrüstungsgegenstand und jede Methode, der/ die durch
Hersteller oder Trainer empfohlen wird, vor Anwendung am Hund genau zu
prüfen, sich gut zu informieren und im Zweifelsfall nach dem guten
alten Motto zu entscheiden, das auch für unsere Hunde gelten sollte:
Was Du nicht willst, das man Dir tu, das füg auch keinem anderen zu.
©️ Clarissa v. Reinhardt
animal learn
P.S.:
Hiermit lade ich alle Hundefreunde ein, bei der Verbreitung dieses
Textes zu helfen. Ich erlaube als Autorin ausdrücklich, ihn
(vollständig und unverändert und unter Nennung der Quelle) auf anderen
Homepages zu veröffentlichen, auszudrucken und zu verteilen oder auf
ihn hinzuweisen. Je mehr Menschen um die Tücken und Gefahren des
Sprühhalsbandes wissen, je mehr Hunden bleibt dessen Anwendung –
hoffentlich – erspart. Ein herzliches DANKE an jeden, der diesen Text
weiter gibt.

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